Patrick Leukel

Mythen erheben einen Anspruch darauf, so Reinhard Baumann, als wahr zu gelten. Nach intensiver und jahrzehntelanger Beschäftigung mit Georg von Frundsberg geht Baumann nun der Frage nach der Herkunft und dem Mythos des Ehrentitels „Vater der Landsknechte“ auf den Grund. „Wie kam er zustande, wer berichtet davon, wer bezeichnete Frundsberg so?“ (9). Gleichzeitig will Baumann dem Menschen Frundsberg näher kommen. Hierzu wählt der Autor einen biografischen Ansatz, der sich aber nicht auf Frundsberg direkt, sondern auf die Menschen in dessen Umfeld konzentriert. „Indem von diesen Menschen als Individuen berichtet und erzählt wird, wird auch etwas über den Mythos Frundsberg ausgesagt.“ (10). Ausdrücklich richtet sich Baumann dabei an eine breitere Leserschaft, die sich zum Beispiel beim Besuch des Mindelheimer Frundsbergfestes Fragen nach dem sozialen Umfeldes des Obristen stellt.

Im ersten Kapitel „Der Vater der Landsknechte – Mythos und Wirklichkeit“ geht Baumann dem Ursprung und der „Ideologie“ hinter dem Titel Vater der Landsknechte nach. Überzeugend weist Baumann nach, dass der Titel in Abgrenzung zu Kaiser Maximilian I. bereits zeitgenössisch Verwendung fand (15). Eine Schlüsselstellung zur Mythenbildung Frundsbergs nimmt dessen erster Biograf und Feldsekretär Adam Reißner ein. Aufbauend auf der Darstellung in Reißners „Historia“ zeichnet Baumann die Verwendung des Vater-Begriffs durch die Zeitgenossen anhand mehrerer Anekdoten nach und erklärt den Ehrentitel mit der Ausnahmeerscheinung Frundsberg. Dessen Rolle des „Vaters“ bezog sich dabei eben nicht nur auf die Autorität gegenüber den Knechten, Offizieren und Adligen, sondern auch auf die militärische Fürsorge und den Einsatz im Interesse der Untergebenen.

Zum Abschluss des Kapitels setzt sich Baumann mit der Glaubwürdigkeit seiner Hauptquelle, der „Historia“ Reißners, auseinander und ordnet diese sowie die Motivation des Humanisten ein. Baumann kommt zu dem Schluss, dass der eigentliche Vater der Landsknechte eben nicht Maximilian I., sondern Georg von Frundsberg war (27).

Im zweiten Kapitel „Das familiäre Umfeld“ geht Baumann zum biografischen Teil seiner Untersuchung über. Dem Untertitel des Buches folgend widmet sich der Autor nun dem sozialen Umfeld Frundsbergs in Form von Kurzbiografien. Auf jeweils zwei bis zehn Seiten zeichnet Baumann zunächst die Biografien von Frundsbergs Ehefrauen und seines „Nachbarn“ Hans Jacob von Landau nach (33-37). Bedingt durch die fehlende Quellengrundlage äußert sich Baumann nur knapp zu den Kindern Frundsbergs. Zumindest die Söhne Frundsbergs Caspar und Melchior (beide wurden ebenfalls Kriegsleute) erfahren in späteren Kapiteln etwas mehr Aufmerksamkeit. Teile der Biografien werden an anderer Stelle gestreift. So berichtet Baumann im Abschnitt zu Caspar von Waldsee von dessen Zusammenarbeit mit Caspar von Frundsberg (79-80). Über Melchiors Werdegang wird ebenfalls an anderer Stelle ausführlicher beschrieben. Diesem wurde Adam Reißner als Studienbegleiter zur Seite gestellt und diente Melchior und Georg von Frundsberg später als Feldsekretär (110f).

Baumann beschränkt sich bei der Auswahl der Biografien, wie er bereits in der Einleitung ankündigt, auf Figuren, deren Namen zwar immer wieder in Verbindung mit Frundsberg auftauchen, deren Lebensläufe der Leserschaft jedoch nicht zwangsläufig präsent sind. Baumann räumt gleichzeitig ein, dass das Bild aufgrund der Quellengrundlage nicht vollständig sein kann. Bereits ausführlich aufgearbeitete Lebensbilder z. B. von Caspar Winzerer, Marx Sittich von Ems und Franz von Sickingen vernachlässigt Baumann bewusst.

Das dritte Kapitel „Weggefährten“ wird von Baumann unterteilt in Stellvertreter, Hauptleute und „Die frommen guten Knechte“ (94). In der sich selbst auferlegten Kürze der Einzelbiografien gelingt es Baumann Herkunft, Karriere und Lebenswelt der Protagonisten kurzweilig und prägnant darzustellen.

Anhand der Lebensgeschichten von Franz von Kastalt (57-66) und Sebastian Schertlin (85-93) zeigt Baumann, wie der erfolgreiche Lebensweg von Zufall, (Kriegs-)Glück, persönlichem Engagement und dem Geschick, die richtige Gelegenheit beim Schopf zu packen, abhing.

„Unerreicht von allen anderen ist sein [Schertlins – PL] Gespür für einen guten Vertrag, sein Verhandlungsgeschick, sein Kalkulieren und Pokern um Vorteile und Verbesserungen einmal eingegangener Verpflichtungen. […] Schertlin war auch ein Haudegen, der das persönliche Risiko nicht scheute. Groß sei er gewesen, kräftig, kerngesund, tapfer und ehrgeizig.“ (92)

Auch die Schattenseiten wie z. B. das „Scheitern“ Graf Ludwigs von Helfensteins, der bekanntermaßen in Weinsberg in die Gefangenschaft eines Bauernheers geriet und ein darauf folgendes Spießgericht nicht überlebte (71-73), werden behandelt. Baumann nimmt sich dabei auch den Raum, Motive für das rigorose Vorgehen, genau wie die Erklärungen in der Literatur und die Auswirkungen der Tat zu analysieren. „ Die Hinrichtung von 17 Adligen war unerhört und forderte Vergeltung. Das sah man beim Schwäbischen Bund so, das sah auch sein Oberster Feldhauptmann Georg von Waldburg so.“ (74)

Hervorzuheben ist der dritte Abschnitt des dritten Kapitels. Mit den „frommen guten Knechten“ umschreibt Frundsberg selbst einfache Knechte und Doppelsöldner, die sich besonders hervortaten, von denen aber meist nur die Namen überliefert sind. Baumann versucht auch die Lebensgeschichte einiger dieser Charaktere, „die Frundsberg nahestanden oder gar zu seinem Umfeld gehörten“ (94) nachzuzeichnen. Die Beiträge zu Frundsbergs Jägermeister Martin Schellenberger, Rothans und Steffan Krom, die sich bei Biocca hervortaten und zum Landsknecht, Feldschreiber, Chronisten und Dichter Oswald Fragenstainer, beleuchten auch soweit möglich das Leben der einfachen Knechte sowie Frundsbergs Wirkung auf diese. Gerade in der Biografie Oswald Fragenstainers kommt die Vielschichtigkeit der Akteure zum Ausdruck. Dieser war eben nicht nur Schreiber, sondern auch Kriegsmann, der in Schlachten kämpfte und an Plünderungen teilnahm. Gleichzeitig nahm er in seinen Schriften die Rolle des Beobachters und Kommentators ein, der bedingt durch seine Nähe zu Frundsberg „von den Entscheidungen des Obristen viel mehr mitbekommt, als ein Knecht im Haufen das könnte.“ (106)

Der Abschluss des Kapitels bleibt dem bereits mehrfach erwähnten Adam Reißner vorbehalten. Als erster Biograf Frundsbergs konnte Reißner nicht nur auf Augenzeugen wie Sebastian Schertlin, gelehrte „Doctores, die der Italischen Händel wissen tragen“ und italienische Geschichtsschreiber als Quellen für sein Werk zurückgreifen. Gleichzeitig war Reißner auch selbst Augenzeuge vieler Begebenheiten (109). Reißner war es, der entschieden zum Mythos Frundsberg beitrug. „Er zeigte ihn in seiner Historia als Helden, glorifizierte ihn, beschrieb aber auch durchaus realistische Situationen, die ein anderer verschwiegen oder beschönigt hätte.“ (120)

Im Kapitel IV. „Frundsbergs große Gegner“ legt Baumann nun sein Augenmerk auf dessen Widersacher. „Diese Gegner haben das Kriegserleben Georgs von Frundsberg in verschiedener Hinsicht bestimmt und geprägt.“ (121) Baumann gelingt es auch hier, einen Eindruck von der Vielfalt der Charaktere zu zeichnen.

So stellt er beispielsweise den „kühl berechnenden, rationalen, ohne emotionale Bindung an seinen Arbeitgeber“ agierenden Bartolomeo d`Alviano Frundsberg mit seinen „Vorstellungen von Reichs- und Kaisertreue, von ehrenvoll und demütigen, mit großen, Vertrauen in die Leistungsfähigkeit seiner Knechte und noch mehr in Gott und die Berechtigung seines Tuns“ gegenüber.

Anhand der Biografie von Arnold Winkelried zeigt Baumann, wie auch die persönlichen Beziehungen zweier Landsknechtsführer in gegenseitigem Hass und Verachtung gipfeln konnten (132). In der Biografie Walther Bachs zeigt Baumann, wie stark selbst hohe Offiziere von politischer Dynamik, ungeklärten Befehlsstrukturen und dem Misstrauen der Verbündeten eingeschränkt werden konnten. Gleichzeitig wird auch die Söldnermentalität offen gelegt. Denn Bach wurde nach dem Bericht Reißners durch Bestechung zum Abzug bei Leubas bewogen (145). Eindrücklich wird anhand von Michael Gaismair ein reformatorisch-revolutionärer Heerführer mit politischem Horizont dargestellt, der in den Dienst Venedigs wechselte, um schließlich im Ruhestand von Meuchelmördern gestellt und erstochen zu werden (165-166).

In zwei Anhängen finden sich zunächst drei Karten (Alpenübergang Frundsbergs im Winter 1522; Zug Gaismairs im Juni 1526 und Alpenübergang Frundsbergs im November 1526) sowie zahlreiche Bilder vom jährlichen Frundsbergfest in Mindelheim (177–224).

Die Biografien werden von Baumann unter anderem genutzt, um den Mythos Frundsberg immer wieder in Form von mehr oder weniger bekannten Anekdoten nachzuzeichnen. Das Finden dieser Versatzstücke in den Einzelbiografien ist auch bedingt durch das fehlende Register mühsam aber lohnenswert. Eine stringente Analyse der Geschichte und Entwicklung des Mythos Frundsbergs, vor allem in späteren Jahrhunderten fehlt jedoch. Auf die Frundsbergromane sowie die nationale und nationalsozialistische Erinnerungskultur wird nur am Rande verwiesen. Zudem gelingt es Baumann nicht immer, den Bogen von der durchaus lesenswerten Einzelkurzbiografie zum Mythos Frundsberg zu schlagen. Auch kommt es bedingt durch die parallelen Lebensläufe teils zu Redundanzen. Erschöpfende Biografien oder gar eine prosopografische Analyse darf man nicht erwarten. Ein abschließendes Fazit liefert der Autor nicht. Auffallend sind auch einige Flüchtigkeitsfehler. So fehlt etwa in der Überschrift zu Kapitel VI. die Zählung. An anderer Stelle ist es Kaiser Maximilian I. (sic!) der 1566 ein Heer gegen die Türken aufstellen wollte.

Alles in Allem bleibt Baumanns neuester Beitrag zur Frundsbergforschung eine lesenswerte Biografiesammlung und gibt im ersten Teil Aufschluss über die Herkunft und zeitgenössische Verwendung des Ehrentitels „Vater der Landsknechte“. Der Perspektivwechsel hin zu den Wegbegleitern (–innen) Frundsbergs lässt ein facettenreiches Bild von den Alltagsproblemen, Widrigkeiten und Konflikten, aber auch Karrierechancen und sozialen Bezugssystemen ebenso wie der Mentalität von Kriegsleuten im 16. Jahrhundert entstehen, dass als informativer Einstieg in die Thematik zu tiefer gehenden Beschäftigung anregt.

Reinhard Baumann: Mythos Frundsberg – Familie, Weggefährten, Gegner des Vaters der Landsknechte. Druckerei und Verlag Hans Högel: Mindelheim 2019, geb. 244 Seiten, ISBN 978-3947423156.

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Christian Th. Müller
Veröffentlicht am: 
Montag, 13. April 2020 - 3:31